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Stolpersteine in Neuruppin

"Stolpern heißt auch darauf stoßen"
"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist"
Gunther Demning

Die Verlegung von Stolpersteinen ist eine Aktion des Kölner Künstlers Gunther Demning, der mit der Aktion an die Opfer des Faschismus und Nationalismus erinnern möchte. Er lässt kleine Betonwürfel, auf denen eine Messingplatte mit Namen, Geburts- und Sterbedatum befestigt ist in das Steinpflaster vor dem letzten Wohnhaus der Opfer ein.

Seit 1997 hat Gunther Demning in über 280 Städten in Deutschland und dem europäischen Ausland bereits ca. 13000 Stolpersteine für Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfer gesetzt.

Am 17. November 2003 wurden in Neuruppin die ersten 8 Stolpersteine von Gunther Demning verlegt. Im Land Brandenburg waren dies die ersten Stolpersteine. Daten und Fakten wurden von dem Neuruppiner "Förderkreis Stolpersteine" recherchiert.
Erinnert werden soll an jüdische Bürger aus der Fontanestadt, deren Schicksal während des Nationalsozialismus bereits bekannt ist.

Der Pfad der Stolpersteine in Neuruppin

Ich starte meine Entdeckungstour am Bahnhof Rheinsberger Tor. Von hier aus laufe ich die Karl-Marx-Str. in Richtung Stadtmitte entlang. Auf der rechten Seite vor einem Tabakgeschäft finde ich den ersten Stolperstein. Er erinnert an: Emilie Drucker, geb. Trepp; geboren am 23.11.1850 in Fulda / Hessen. In Neuruppin lebte sie in der Friedrich-Wilhelm-Str. 22. Sie wurde zunächst in das große Sammellager in der großen Hamburger Straße in Berlin verschleppt. Am 16.6.1943 wurde Emilie Drucker nach Theresienstadt deportiert. Sie verstarb dort am 22.6.1943.

Weiter führt mich mein Weg über die Karl-Marx-Str. bis zum Schulplatz. Dort finde ich neben Cafe Schröders 2 weitere Stolpersteine. Sie erinnern an Emma Anker und ihre Tochter Edith Frank. Emma Anker, geb. Wittenberg. Wurde am 29.03.1878 in Kulmsee in Westpreußen geboren. Sie war Eigentümerin des Kaufhauses Anker, das sie für einen offenbar niedrigen Preis an die Familie Heigener verkaufen musste. Emma Anker wurde am 28.03.1942 nach Trawnicki deportiert und gilt dort als verschollen. Edith Frank, geb. Anker Wurde am 26.10.1914 als Tochter von Emma Anker in Neuruppin geboren. Hier besuchte sie die Schule und bestand 1934 das Abitur. Dr. Kuntz, ihr Lehrer für Gesellschaftskunde soll sie mehrere Tage vor den Nationalsozialisten versteckt haben. Edith Anker heiratete und blieb im Gegensatz zu ihren Brüdern Fritz und Gerhart - die nach Chile auswanderten - in Deutschland. Sie wurde am 01.03.1943 mit dem 31. Transport nach Auschwitz deportiert und gilt dort als verschollen.

Weiter führt mich meine Tour immer noch die Karl-Marx-Str. entlang. Auf der rechten Seite Ecke Franz-Künstler-Str. vor dem Kinderland Europa finde ich einen weiteren Stolperstein. Dieser erinnert an Arnold Jacoby, am 20.01.1869 in Freystadt / Westpreußen geboren. In Neuruppin besaß er ein Textilgeschäft. In den 30er Jahren war er im Vorstand der jüdischen Gemeinde und führte Verhandlungen über den Verkauf des alten Friedhofs. Während der Terrornacht 1938 wurde sein Geschäft zerstört. Arnold Jacoby wurde am 17.08.1942 nach Theresienstadt deportiert. Sein Todesort ist jedoch Minsk. Er gilt dort als verschollen.

In der Neustädter Straße, hinter dem Lidl gehe ich weiter in Richtung Reiz. Auf der linken Seite, gegenüber der AWU, befindet sich das Haus Nummer 46. Nach langem Suchen entdecke ich einen Stolperstein, der an Regina Meverhard erinnert, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Weiter geht es für mich zu den Ruppiner Kliniken (Hauptgebäude). Hier erinnern 6 Stolpersteine an jüdische Bürger, die damals in der so genannten Idiotenanstalt waren. Herbert Sch., geboren 1911. Das laut Krankenakte "ruhige und folgsame Kind" habe später gestohlen, gelogen und sei von zu Hause weggelaufen. 1927 beantragte der Kreisausschuss "die Unterbringung in einer Idiotenanstalt". Nie wieder konnte Herman Sch. in Freiheit leben, er wurde am 27.08.1940 verlegt.

Weitere 5 Stolpersteine erinnern hier an:

Diese sogenannte "Verlegung" war die Fahrt in die Vergasungsstätten Brandenburg und Bernburg. Von den Ruppiner Kliniken führt mich mein Weg zum letzten Stolperstein mit der Stadtlinie 770 nach Alt Ruppin in die Friedrich-Engel-Str. 72. Hier erinnert ein Stolperstein an: Arthur Schwarz.

Auf dem jüdischen Friedhof des evangelischen Friedhofs in Neuruppin, Gerhart-Hauptmann-Str. 61 wurde am 19.November 2001 das Mahnmal "Ausgeliefert" ein Objekt des Künstlers Wieland Schmiedel der Öffentlichkeit präsentiert und übergeben. Es erinnert an die Geschichte der Neuruppiner Juden und ist gleichzeitig eine Aufforderung zum Nachdenken, Erinnern und Diskutieren.

Befasst man sich über einen längeren Zeitraum mit der jüdischen Geschichte, mit all den Opfern, all der Grausamkeit die diesen Bürgern, - die Bürger waren wie Sie und ich - kommen viele Fragen auf.

  • Wie konnte es überhaupt soweit kommen?
  • Warum haben sich damals so viele Bürger, die zum Teil jüdische Freunde hatten und mit denen bis dato gut ausgekommen sind, sich den Nationalsozialisten angeschlossen.
  • Kann es in der heutigen Zeit noch mal so weit kommen, oder haben wir aus diesem schrecklichen Teil der deutschen Geschichte und Vergangenheit gelernt?
Das sind nur einige der vielen Fragen, die wir wohl so jetzt nicht beantworten können, obwohl es uns doch brennend interessiert! Abschließend aber noch mal zu den Stolpersteinen. Hätte ich nicht gewusst wo genau im einzelnen die Stolpersteine liegen, wären sie mir leider nicht aufgefallen. Das ist eine Tatsache die ich sehr schade finde, wo sie doch so wichtig sind. Ich frage mich wie vielen Bürgen es ebenso geht. Eigentlich müssten diese "Stolpersteine" 2 cm aus dem Boden rausragen, damit man, wie der Name schon sagt, drüber stolpert und so auf sie aufmerksam wird. Da das aber nicht möglich ist muss man sich nach einer anderen Lösung umsehen. Man könnte doch z.B einen Stolpersteine-Pfad einrichten. Es gibt in Neuruppin einen Skulpturen-Pfad, also warum nicht auch einen Pfad für die so wichtigen Stolpersteine. Ich habe jedoch die Hoffung, dass die Stadt Neuruppin in den nächtsen Jahren solch einen Pfad einrichtet oder auf eine andere Art und Weise auf die Stolpersteine aufmerksam macht.

Diese Toten
(Ein Gedicht von Erich Fried)

Hört auf, sie immer Miriam
Und Rachel und Sulamoth
Und Aron und David zu nennen
In euren Trauerworten!
Sie haben auch Anna geheißen
Und Maria und Margarethe
Und Helmut und Siegfried:
Sie haben geheißen wie ihr heißt.

Ihr sollt sie euch nicht
So anders denken, wenn ihr
Von ihrem Andenken redet, als sähet ihr sie
Alle mit schwarzem Kraushaar
Und gebogenen Nasen
Sie waren manchmal auch blond
Und sie hatten blaue Augen.

Sie waren wie Ihr seid.
Der einzige Unterschied
War der Stern den sie tragen mussten
Und was man ihnen angetan hat:
Sie starben wie alle Menschen sterben
Wenn man sie tötet
Nur sind nicht alle Menschen
In Gaskammern gestorben.

Hört auf, aus ihnen
Ein fremdes Zeichen zu machen!
Sie waren nicht nur wie ihr
Sie waren ein Teil von euch:
Wer Menschen tötet
Tötet immer Seinesgleichen.
Jeder der sie ermordet
Tötet sich selbst.

zusammengestellt während meines Praktikums 2008

Jaqueline Krattner


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