Logo Café Hinterhof
evangelisches Jugendzentrum
Logo

Du bist hier: Vor Ort » Nagelkreuzgemeinde

Nagelkreuzgemeinde Neuruppin

Ich, Nora Ankert ( Praktikantin im Cafe Hinterhof), bekam die Aufgabe mir einen Internettext über die Neuruppiner Nagelkreuzgemeinde zu überlegen. Ich wusste nicht was Nagelkreuzgemeinde bedeutet. Ich begab mich auf Spurensuche, sammelte Material und unterhielt mich mit vielen Leuten. Nach vielen Begegnungen wurde mir klar, dass es um Versöhnung, Toleranz und Vergebung geht. Ich fuhr zur Neuruppiner Klosterkirche und suchte dort nach Informationen. Auf der linken Schiffseite fand ich eine kleine Nische mit Blumen, Kerzen, dem eisernen Nagelkreuz und einem Text, der mir weiter half den Nagelkreuzgedanken zu verstehen. Der Mittelpunkt des Nagelkreuzgedankens ist der Versöhnungsgedanke. Aber wie ist das Nagelkreuz entstanden und was hat das mit dem Versöhnungsgedanken zu tun? Also begann ich meine Bücher und Broschüren zu durchforsten…..

Die Geschichte des Nagelkreuzgedankens und seinen Zug über die Welt begann am 14.11.1940 als 500 deutsche Bombenflieger unter dem Befehl Görings den kleinen Ort Coventry in England bombardierten. Die erste Stadt Englands welche in einer Nacht dem Erdboden gleich gemacht wurde. Die Bombenflut wollte gar nicht mehr aufhören. Am nächsten Morgen fanden sich 550 Leichen, zerstörte Häuser und das eingestürzte Herzstück die St. Michael Kathedrale. Seitdem benutzten die Nazis für Zerstörungsflüge englischer Häfen oder Industrieanlagen das Wort „Conventierung“. Der englische Gegenschlag war Dresden ( Zerstörung der Frauenkirche). Bei den Aufräumungsarbeiten der Kirchentrümmer wurden drei große Balkennägel, die das Dach trugen aus den Trümmern geborgen. Der ehemalige Dompropst Richard Howard setzte die Nägel zu einem Kreuz zusammen und ließ nach dem Wiederaufbau 1962, an dem sich mehrere Künstler beteiligten an die Chorwand: „ FAHTER FORGIVE“ (Vater vergib) schreiben. Um noch mehr über den Versöhnungsgedanken und die Neuruppiner Nagelkreuzgemeinde zu erfahren lud ich Fr. Gröpler , ein Mitglied der Neuruppiner Nagelkreuzgemeinde zu einem Interview ein. Dem Versöhnungsgedanken wird das Versöhnungsgebet und bestimmte Lebensregeln zu geschrieben.

Das Nagelkreuz soll die Idee der völkerweiten Versöhnung in die Welt hinaus tragen. Es soll verschiedenes symbolisieren:

  • Vergebung
  • Neuanfang wagen
  • Frieden
  • Das Beste in Menschen sehen
  • Erfindungen und Wissenschaft zum Wohl der Erdbevölkerung einzusetzen
  • Gegen Vernichtung und Ausbeutung
  • Erträge aus Handel und Industrie allen zu kommen lassen und gerecht verteilen
  • Gaben der Erde für Hunger, Elend und Armut nutzen
  • Sich über Leistungen anderer Völker freuen
  • Rassenhass ausräumen
  • Hilfe und Rettung für jeden
  • Familie als Mittelpunkt sehen und schützen
  • Kinder mit Verständnis und Toleranz erziehen
  • Fehler einsehen lernen
  • Vergangenes vergeben können (-> siehe deutsche Geschichte)
  • Ich las…das seit der Geburt des Nagelkreuzes sich der Versöhnungsgedanke sogar bis heute über die ganze Welt ausbreitete: Bombst, Mostar (Bosnien- Herzegowina), Modra (Slowakei), Kreisau (Polen), Mar-Efreu Schule in Bethlehm, ASCENSIUM (Rumänien),USA, Nicaragua, Kuba, Nordirland……. und Neuruppin. Ich fand es erstaunlich, dass ich weltweit Nagelkreuzzentren fand und sich immer noch viele Gemeinden entschließen den Nagelkreuzgedanken aufzugreifen.

    Die Neuruppiner Nagelkreuzgeschichte begann ….

    In Berlin/Pankow beschäftigte sich eine kleine Gruppe von Gemeindemitgliedern seit längerer Zeit mit dem Nagelkreuzgedanken. Dies inspirierte den in Cottbus tätigen Pfarrer Helmut Gröpler. Das Interesse war bei ihm geweckt und er entschied sich den Versöhnungsgedanken für sich aufzugreifen. Er bekam eine Ausreisegenehmigung nach Coventry/England um dort an den Ort des Entstehens zu kehren und neue Erfahrungen in die DDR zu tragen. 1991 gründete sich die Nagelkreuzgemeinde in Neuruppin, die Pfarrer Helmut Gröpler 1993 fortführte. Ein Jahr zu vor schrieb Helmut Gröpler das Buch „Die Engel hielten den Atem an“, das die Geschichte von Coventry und das Leben des H. Gröplers mit dem Nagelkreuzgedanken erzählt. Dieses Buch hat mir bei meinen Recherchen sehr weiter geholfen.

    Die evangelische Gemeinde Neuruppin bekam 1994 das Nagelkreuz von Pfarrer Dr. Paul Österreicher (Direktor des internationalen Versöhnungsdienstes-Nagelkreuz) und Karl-Anton Hagedorn (Deutscher Nagelkreuzvertreter) überreicht. Neuruppin ist, die 21. Nagelkreuzgemeinde in Deutschland. Österreicher sagte als Abschluss: die Geschichte darf nicht vergessen werden um Fehler nicht zu wiederholen, aber dennoch ist es wichtig nicht immer mit Schuld zu leben sondern in der Gegenwart und in der Zukunft. Diese Generation ist nicht verantwortlich für das was damals geschah, aber sie sollte über die deutsche Geschichte aufgeklärt sein.

    Fr. Gröpler berichtete mir, dass am 19.09.2004 die Neuruppiner Nagelkreuzgemeinde ihr 10 jähriges Bestehen feierte. Der Nagelkreuzkreis veranstaltet zwei Mal jährlich einen selbstorganisierten Gottesdienst zum Versöhnungsgedanken in der Klosterkirche/ Neuruppin. Der Kreis steht für jeden offen. Zurzeit besteht er aus ca. 15 Mitgliedern welche einen Beitrag von 30 €/Jahr entrichten um Projekte zu finanzieren. Durch Beiträge und Spenden und mit der Mitarbeit von anderen Nagelkreuzzentren gelangen schon viele Projekte und Aufbauhilfen. 2002 reiste die Neuruppiner Nagelkreuzgemeinde mit Jugendlichen nach England um die St. Michael Kathedrale ( von dort stammen die Nägel des Nagelkreuzes) zu besichtigen. Weiterhin werden Nagelkreurzentren in Osteuropa (Bsp.: Bombst) durch Gelder und ehrenamtliche Helfer vor Ort unterstütz. Hier sollen wieder Orte auf der Welt geschaffen werden wo Nationen sich treffen, Brücken schlagen, sich unter die Arme greifen, Vorurteile abbauen, Neuanfänge wagen, sich kennen lernen, Freundschaften schließen und einfach mit einander reden. Januar 2003 bis April 2003 schlossen sich verschiedene Neuruppiner Partner (z.B.: ATTAC) mit Unterstützung der Nagelkreuzgemeinde zusammen um auf der Straße gegen den Irakkreig zu demonstrieren. Jeden Montag trafen sich ca. 300 Demonstranten und Interessierte zur Andacht und später zur Straßendemonstration in der Klosterkirche.

    Der Israelische Ministerpräsident sagte dass die deutsche Vergangenheit und Schuld nie getilgt werden kann. Die weltweite Nagelkreuzgemeinde ist aber der Ansicht nur durch Vergebung und Versöhnung unter den Nationen oder Religionen ist ein Neuanfang wirklich möglich. Wer nicht aus der Geschichte lernt ist später dazu verurteilt Fehler zu wiederholen. Es ist leichter aus einem einfachen Menschen einen Soldaten zu machen, der kämpft und tötet als Menschen so zu erziehen, dass er seinen Hass, Schmerz und seine Verletzung nach gewisser Zeit vergisst und aus seinen Feinden Freunde macht. Ebenso kann man 14 Jahre in der deutschen Geschichte zurückschauen. Ein Theologiestudent der DDR hatte in den 80er öffentlich gegen den Wehrkundeunterricht an Schulen protestiert. Die Stasi verhaftete ihn zu drei Jahren Knast. Später erfuhr der Student dass ihn enge Freunde verrieten. Er verzieh ihnen und suchte Kontakt, aber die Freunde verweigerten auf Grund von Entlarvung den Kontakt. Der Student hat es in einem innerlichen Kampf um Rache und Vergebung geschafft, seinen Freunden zu vergeben und war stark genug auf sie zu, zu gehen. Um zum Ergebnis der Vergebung zu kommen stellte er sich vielleicht die Frage, ob sie vielleicht zum Verrat genötigt wurden oder um ihre niedrige Lebensqualität zu verbessern. Ich finde es schwer nach 3 Jahren DDR-Knast, die Leute zu suchen, die mir 3 Jahre Hölle eingebracht haben. Aber vielleicht ist das auch wahre Freundschaft. Das Miteinanderleben ist nur möglich wenn du breit bist Schmerz, Hass und Verletzung heilen zu lassen!

    Kontakt: Susanne Gröpler


    Info-Plakate

    Plakat Plakat Plakat